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29. 8. 2016: Wohin geht die Türkei?

Inputs und Diskussion im Rahmen des Forums der Welser Initiative gegen Faschismus

Montag, 29. August 2016, 19 Uhr, Cafe Nöfas, Schubertstr. 8/Wels

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Inputs:
„Die Politik der AKP“ von Katharina Gusenleitner
„Vereine mit Türkei-Bezug in Österreich“ von Thomas Rammerstorfer

anschließend Diskussion

Katharina Gusenleitner ist Juristin und verfasste eine Masterarbeit im MBA-Studium zur Wirtschaftspolitik der AKP.

Thomas Rammerstorfer referiert und schreibt zu extremistischen Tendenzen u. a. in migrantischen Communities (Co-Autor des Buches „Grauer Wolf im Schafspelz“, 2012).

Beide sind Vorstandsmitglieder der Welser Initiative gegen Faschismus.

Lichter und Schatten Kurdistans

aus KUPF-Zeitung Nr. 142, 2012

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Ein Reisebericht aus dem Keller der Türkei von Katharina Gusenleitner und Thomas Rammerstorfer.

Weitgehend unbeachtet von der europäischen Öffentlichkeit tobt im Osten der Türkei seit bald 30 Jahren ein ungleicher Bürgerinnenkrieg. Katharina Gusenleitner und Thomas Rammerstorfer aus Wels sind Mitarbeiterinnen der „Liga für emanzipatorische Entwicklungszusammenarbeit“ und bereisten die Region im Frühling. In der kleinen Provinz Dersim lässt sich beispielhaft die Komplexität der Konflikte nachvollziehen.

Die Bürgermeisterin von Dersim kommt verspätet zum vereinbarten Treffen. Ein Begräbnis ist dazwischen gekommen, ein weiterer Freund, der das Gefängnis nicht mehr lebend verlassen hat. Wie viele ihrer Amtskolleginnen aus der Region grad „drin“ sind, weiß sie nicht genau: „Vier oder fünf. Letzte Woche ist einer raus gekommen, aber ich glaube der ist schon wieder drin.“ Auch einer ihrer Vizebürgermeister sitzt gerade; Alltag in Kurdistan. Die Taktik der Repressionen hat sich geändert. Massenvertreibungen und extralegale Tötungen wie in den 80er- und 90er-Jahren sind nicht mehr an der Tagesordnung, aber jegliche zivilgesellschaftliche Regung kann ins Gefängnis führen. Manchmal reicht auch ein kurdisches Wort oder das Hören kurdischer Musik. Jede Kurdin steht unter dem Generalverdacht des Terrorismus.
Beim Spaziergang durch die Stadt zeigt die Bürgermeisterin beiläufig auf ein Haus. Hier wurde sie nach dem Militärputsch 1980 mehrere Wochen gefangen und gefoltert, erzählt sie im Tonfall beiläufiger touristischer Erläuterung.

Knapp 30 000 Einwohnerinnen zählt Dersim, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im kurdischen Gebiet der Türkei. Es waren mal deutlich mehr, doch eine einmalige Geschichte an Vertreibungen und Massenmorden innerhalb der letzten hundert Jahre haben die Region entvölkert. 1915 waren die Armenierinnen in die Wüste getrieben und massakriert worden. Nach dem Ende des Osmanischen Reiches und dem Sieg der Atatürk-Partei im „Befreiungskrieg“ gegen die Besatzung der Westmächte wandte sich der türkische Chauvinismus gegen seine ehemaligen kurdischen Verbündeten. Für die kurdischen Gebiete war der Status einer innertürkischen Kolonie vorgesehen, als Rohstofflieferant und Absatzmarkt. Dafür wurden die in offizieller Diktion dort lebenden „Bergtürken“ als unzivilisiert und rückständig gebrandmarkt. Die Massaker von Dersim 1937/38 bildeten das vorläufige Ende kurdischer Bewegungen. Die Provinz wurde entvölkert und auf Jahre zum Sperrgebiet. 1945 als Tunceli wiedergegründet, blieb die Region eines der Zentren zivilgesellschaftlicher wie auch militanter kurdischer Bewegungen und wurde somit immer wieder Ziel staatlicher Disziplinierungsmaßnahmen.

Dersim ist ein Gefängnis. Der Talkessel ist gleichzeitig auch ein Kessel im militärischen Sinne. Auf allen Gipfeln rund um die Hauptstadt ist die Armee mit Wachtürmen, Zäunen, Scheinwerfern und Abhöranlagen eingegraben. An den Zufahrtswegen sind Checkpoints eingerichtet. Vor unserem Hotel lümmeln Zivilpolizisten. Militärhubschrauber kreisen über, Panzerfahrzeuge fahren durch die Stadt, die an sich eher einem idyllischen Bergdorf gleicht, was die Szenerie umso absurder erscheinen lässt.

Dersim ist die Freiheit. Zwischen weiten Teilen der Bevölkerung scheint ein stilles Einverständnis zu herrschen, ein gewisser Stolz, trotz allem hier zu leben, in einem Ort, der den Kurdinnen auf der ganzen Welt als Synonym für Widerstand gilt. Ein älterer Herr mit bestem kurdischen Kommunisten-Schnauzbart spricht uns auf Deutsch an. 1964 ist er als Gastarbeiter nach Deutschland gegangen, berichtet er, und seine sieben Kinder leben alle dort. Einer seiner Söhne habe sogar eine Deutsche geheiratet. „Sie ist zwar sehr schön“ meint er, um leicht wehmütig hinzuzufügen: „aber ihr Vater ist Kapitalist.“

Trotz oder gerade ob dieser teils widrigen Lebensumstände sind die Einwohner Dersims ziemliche Freigeister. Freidenkerinnen und liberale Menschen in einer Art Freiluftgefängnis.
Wir treffen nicht nur die Bürgermeisterin, sondern auch andere Gemeindebedienstete, größtenteils Frauen. Dersim ist in Frauenhand. Das bemerken wir auch, als wir dem Hauptgrund unserer Projektreise einen Besuch abstatten – dem Frauenzentrum, ein von der Bürgermeisterin in Kooperation mit LeEZA begründetes Projekt und Grund unserer Reise.
In diesem einzigen Frauenzentrum der Region können Frauen aus der Stadt und den umliegenden Dörfern psychosoziale sowie rechtliche Beratung in Anspruch nehmen. Die meisten Frauen, die in Dersim wohnen, sind Einheimische, bzw. Binnenflüchtlinge, deren Dörfer während des Krieges der 1990er Jahre durch das türkische Militär zerstört und in Brand gesetzt wurden. Andere mussten aufgrund der Staudammbauten, von denen diese Region betroffen ist, ihre Dörfer verlassen.
Das Zentrum stellt sich als dringend benötigte Einrichtung heraus, denn die Frauen der Umgebung sind von häuslicher Gewalt ebenso bedroht wie von Übergriffen durch das türkische Militär. Bei Gesprächen mit Betroffenen wird uns bewusst, welchen Wert diese Institution für die Frauen hat. Oft ist das Zentrum der einzige Zufluchtsort für Gewaltopfer und deren Kinder. Es gibt aber auch – sehr gut besuchte! – Kurse für Männer, wo über das Wesen patriarchaler Machtstrukturen diskutiert wird. Wir haben die Möglichkeit, mit einigen dort Beschäftigten (u. a. Soziologin, Krankenschwester, Psychologin) und einer Klientin zu sprechen, und sind geschockt und fasziniert zugleich. Geschockt von der Gewalt und den Lebensumständen, denen die Frauen oft ausgesetzt sind und der Tatsache, dass der Staat sein Übriges tut, um deren Situation noch zu verschlimmern, fasziniert von der für diese Gegend einzigartigen „Sozialarbeit“ , die in dem Zentrum geleistet wird.
Im Rahmen unseres Dersim-Aufenthaltes bekommen wir weiters noch Gelegenheit ein Jugendzentrum mit eigenem Theater (Kino), in dem jährlich zwei mittlerweile etablierte Filmfestivals stattfinden, sowie ein Krisenzentrum für Drogenabhängige (Dersim ist von einem aufkeimenden Drogenproblem betroffen) und eine Nachhilfeeinrichtung zu besuchen.
In all diesen Institutionen treffen wir auf Menschen, die tolle Arbeit machen und gerührt scheinen ob des Interesses, das LeEZA für Ihren Einsatz zeigt.
Als gäbe es nicht schon genug Probleme in der Region, wird auch noch der Fluss Munzur, der unterhalb des Städtchens und durch die umliegende Gegend fließt, mit einem Staudamm verdammt! Wir stehen oberhalb des Ufers und betrachten durch den Munzur-Staudamm bereits überschwemmte Häuser, Spielplätze und so manches andere Gebäude, das einmal dem Alltagsleben der Bevölkerung diente.
Es ist kein Ende in Sicht, die Überschwemmungen werden in ihrer menschenverachtenden Weise vorangetrieben. Ziel ist die völlige Kontrolle des Wassers in der Region, vor allem zur Nutzung durch industriell betriebene, exportorientierte Landwirtschaft: Man braucht Devisen um die Industrialisierung voranzutreiben. Gleichzeitig schränkt die Mega-Staudämme die Bewegungsfreiheit der Guerilla ein. Allein der Atatürk-Staudamm ist viermal so groß wie der Bodensee, zigtausende mussten ihm weichen. Den Menschen wird die Lebensgrundlage entzogen. Von Landwirtschaft zu leben ist für die Kleinbäuerinnen kaum mehr möglich, es bleibt der Weg in die Elendsquartiere der Großstädte. Am Vortag unserer Abreise entdecken wir ein charmantes Lokal am Flussufer und besuchen selbiges gleich mittags und abends. Der Munzur, oder was davon übrig ist, zeigt seine Anziehungskraft bei Tag und bei Nacht gleichermaßen. Angesichts der „Verdammung“ genießen wir frischen Munzur-Fisch mit gemischten Gefühlen.
Die Türkei erscheint heute als dreigeteiltes Land. Der liberale, konsumorientierte Westen, die religiös geprägte Mitte und der kurdische Osten, die über einen Kolonialstatus nicht hinauskommt, und in dem ein Bürgerkrieg derzeit niederer Intensität tobt. Das Hegemoniekonstrukt des türkischen Nationalismus verbindet die AKP mit dem sunnitischen Islam. Die Widersprüche werden sich damit vielleicht oberflächlich kaschieren lassen – und das auch nur in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität –, gelöst sind sie noch lange nicht.

Wer die Arbeit von LeEZA bzw. das Frauenzentrum in Dersim unterstützen möchte: Infos auf www.leeza.at. Dort findet sich auch ein ausführlicher Bericht über die weiteren Stationen der Reise.

Mag.a Katharina Gusenleitner, geboren in Wels, Studium der Rechtswissenschaften in Wien, Sprach-, Rhetorik- und Schauspielausbildung in Linz, Vorstandsmitglied im Verein „Reizend“, Vorsitzende des Vereins zur Förderung der Medienvielfalt, derzeit beschäftigt als Juristin für u.a. Unternehmensrecht und im MBA-Studium.

Thomas Rammerstorfer, geboren in Wels, aktiv u. a. beim Infoladen Wels und LeEZA. Inhaltliche Schwerpunkte: Rechtsextremismus, Jugendkulturen, Türkei.

„Die armenische Frage existiert nicht mehr“[1]

 

aus CONTEXT XXI, Ausgabe 5/6 2005

Ein fast vergessener Völkermord

„Der kranke Mann am Bosporus“
… war vor dem ersten Weltkrieg eine gängige Bezeichnung unter europäischen Diplomaten für das vor sich hin siechende Osmanische Reich. Von 1800 bis Anfang des 20. Jahrhunderts verloren die Osmanen einen großen Teil ihres einst gewaltigen Reiches: Bosnien-Herzegowina, Serbien, Albanien, Makedonien, Montenegro, Bulgarien, Rumänien, Griechenland, Bessarabien, Ägypten – die europäischen Großmächte, allen voran Russland, England und Frankreich bedienten sich Stück für Stück am osmanischen Kuchen. Mittels diplomatischer Finten, der Initiierung und Förderung nationalistischer Aufstände in der Peripherie und offenen Kriegen. Immer wieder gebärdeten sich England, Frankreich, Russland und zeitweise auch Österreich bzw. Österreich-Ungarn auch als Schutzmächte der unter osmanischer Herrschaft lebenden ChristInnen und erpressten so territoriale Zugeständnisse. Die osmanische Herrscherdynastie hatte dem wenig entgegen zu setzen: die Wirtschaft hatte den Anschluss verloren und wurde durch Billigimporte aus den Kolonien vor allem Englands weiter geschwächt[2], eine bürokratische Administration unter größtenteils unfähigen Monarchen und eine veraltete Armee mit ebenso unfähigen Befehlshabern – insbesondere innerhalb der türkischen, muslimischen Mehrheitsbevölkerung entstand ein Gefühl „der Schwäche und des Verfalls“[3].

Die Jungtürken

Bei gescheiterten Mittelständlern, Studenten und jungen Offizieren fielen säkulare, republikanische und nationalistische Ideen auf fruchtbaren Boden – die so genannte jungtürkische[4] Bewegung entstand als breite Sammlung unterschiedlicher politischer und nationaler Gruppierungen, deren Ziel die gänzliche oder teilweise Entmachtung des Sultanats und Schaffung eines „modernen“ Staatswesens nach Vorbild der europäischen Staaten war. Innerhalb der jungtürkischen Bewegung waren die ethnischen Minderheiten anfangs durchaus gut vertreten – viele ArmenierInnen, TscherkessInnen, GriechInnen, BulgarInnen, JüdInnen, Aseris etc. erhofften sich durch einen Sturz der Monarchie und ein Zurückdrängen des Islamismus mehr Rechte zu erhalten. Insbesondere die ArmenierInnen und ihre stärkste politische Partei, die Daschnakzutjun[5], erwarteten sich von einer Republik eine Verbesserung ihrer Lage und ein Ende der immer wieder aufflackernden Pogrome.
Staatlich gelenkte Pogrome hatten von 1894–1896 bis zu 300.000 ArmenierInnen das Leben gekostet. Um von ihrer eigenen Unfähigkeit abzulenken, hatten die osmanischen Herrscher die Bevölkerung immer wieder je nach Bedarf gegen die ArmenierInnen aufgehetzt.[6] Der deutsche Botschafter Wangenheim äußerte sich verständnisvoll über den anti-armenischen Pöbel. Die „Armeniermassakres“ seien „nur die natürliche Reaktion auf das Aussaugesystem der armenischen Geschäftsleute“[7], die Armenier seien eben die „Juden des Orients“.[8]
1908 kam es zum Umsturz im Osmanischen Reich. Die Jungtürken eroberten die Macht – Sultan Abdulhamid wurde abgesetzt und durch seinen Bruder Mehmed V. ersetzt, dessen Machtbefugnisse sich allerdings nur mehr auf Zeremonielles beschränkte. Die eigentliche Macht im Staate waren nun die Jungtürken, insbesondere deren radikal säkular-nationalistischer Flügel ittihat ve terraki[9] um Enver Pascha und Talat Pascha. Die ittihad ve terraki war stark im Militär verankert und konnte ihren Einfluss auch nach den Niederlagen im Konflikt mit Italien 1911[10] und in den Balkankriegen 1912/13[11] ausdehnen, so dass sich de facto ab 1913 eine Einparteiendiktatur, geleitet vom Triumvirat Enver Pascha, Talat Pascha und Dschemal Pascha manifestierte.

„Es ist erforderlich, das armenische Volk vollständig auszurotten …“

Im November 1914 trat das Osmanische Reich an der Seite Deutschlands, Österreich-Ungarns und Bulgariens in den Weltkrieg ein. Der Krieg an der Seite der Deutschen, mit denen schon eine lange intensive wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit bestand, sollte den Türken die Möglichkeit geben, einerseits dem Erbfeind Russland eine Niederlage zu bereiten und verlorene Territorien vor allem auf dem Balkan und im Kaukasus wiederzugewinnen.
Aus dem Vielvölkerreich sollte ein ethnisch homogener Nationalstaat werden, der alle „Turkvölker“, also auch Aseris, Turkmenen etc. vereinen sollte. Dem im Weg standen die nicht-türkischen und nicht-moslemischen Minderheiten, allen voran die christlichen ArmenierInnen, deren „millets“[12] vor allem im ostanatolischen Raum der Vereinigung der „Turkvölker“ nach Sicht der türkischen Nationalisten im Weg standen. In den Wirren eines großen Krieges sollte es möglich sein, vor allem die ArmenierInnen loszuwerden. Nazim Bey, führender Ideologe des Pantürkismus und Politiker der ittihad ve terraki formulierte es so: „Es ist (…) erforderlich, das armenische Volk vollständig auszurotten, so dass kein einziger Armenier auf unserer Erde übrigbleibt und der Begriff Armenien ausgelöscht wird.“
Während der Krieg die Osmanen bald in eine nahezu aussichtslose militärische Lage brachte – die russische Armee rückte im Kaukasus vor, die britischen und französischen Truppen griffen in Nordafrika und Arabien sowie die Meerenge der Dardanellen an – begann die ittihad ve terraki ihre Vernichtungspläne gegen die ArmenierInnen in die Tat umzusetzen. Die schwierige Situation an den Fronten erwies sich dabei sogar als hilfreich, da hierfür wiederum die ArmenierInnen verantwortlich gemacht wurden, denen unterstellt wurde mit der russischen Armee zu kooperieren – eine Behauptung, die nur für eine Minderheit zutreffend war, die überwiegende Mehrheit der ArmenierInnen verhielt sich loyal zum Osmanischen Reich. Weiters machte sich die ittihad ve terraki – obwohl selbst säkular – religiöse Vorurteile zu nutzen. So begann die teskilat i mahsusa, eine Spezialeinheit der Regierungspartei, mit Hilfe von kurdischen Banden, aus Sträflingen und Kriegsflüchtlingen zusammengestellte „Hilfstruppen“ sowie regulären Armee- und Polizeieinheiten mit der Deportation der armenischen Bevölkerung, vorerst aus den nahe der Kaukasus-Front gelegenen Dörfern und Städten.
Die Aktionen gegen die ArmenierInnen verliefen regional sehr unterschiedlich, aber zumeist nach etwa folgenden Muster: Zuerst wurden die armenischen Soldaten aus der Armee entfernt und in Straf- und Arbeitsbataillone gesteckt, wo sie zumeist im Straßenbau an der Kaukasusfront beschäftigt waren. Dann kam es zur Verhaftung der jeweiligen Notabeln, also von Regionalpolitikern, Geistlichen, Ärzten, etc. Anschließend erhielten mal ganze Dörfer oder Städte, mal vorerst nur die „wehrfähige“ männliche Bevölkerung zwischen 16 und 60 den Evakuierungsbefehl. Ein Teil davon wurde bei erster Gelegenheit erschossen, wie der damalige US-amerikanische Diplomat Henry Morgenthau berichtet: „Hier und da trieb man 50 oder 100 Männer zusammen (…) und führte sie an einen Ort nicht weit vom Dorf entfernt. Plötzlich ertönten Gewehrschüsse. (…) In einigen Fällen, die mir bekannt wurden, hatten die Mörder die Leiden ihrer Opfer noch erhöht, indem man sie zwang, ihre eigenen Gräber auszuheben, bevor sie erschossen wurden.“[13] Die Situation verschärfte sich, als die Bedrohung der Dardanellen und somit Istanbuls durch die britische Marine unter Winston Churchill immer größer wurde. Die ittihad ve terraki plante, den Widerstand nach einem Fall Istanbuls vom anatolischen Kernland fortzusetzen – zuvor galt es aber den angeblichen „inneren Feind“ dort zu vernichten. Die steigende Zahl der Armenier, die sich vor der Zuteilung in Arbeitsbrigaden, die oft den sicheren Tod bedeutete, durch Desertion entzog, „bestätigten“ die Behauptungen türkischer Scharfmacher, die ArmenierInnen würden mit dem „Feind“ kooperieren.
Nach Abwehr des britischen Angriffs auf die Dardanellen brachte der 24. April 1915 eine Verhaftungs- und Deportationswelle in Istanbul. Ab Mai 1915 befanden sich hunderttausende ArmenierInnen auf gewaltigen Märschen in Richtung der syrischen und irakischen Wüste. Zehntausende wurden gleich an ihren Heimatorten ermordet. Es kam zu Kreuzigungen, Vergewaltigungen, zur Tötung durch medizinische Versuche, als armenischen Soldaten wie auch Kindern Typhuserreger geimpft wurden. Auch Versuche mit Vergasungen wurden unternommen: 1915 an armenischen Kindern in Trapesunt – der Raum war als Dampfbad getarnt.[14] Im Juni kam es zu einem gewaltigen Massaker bei der Kemah-Schlucht. Etwa 20–25.000 Menschen wurden – oft zu Dutzenden aneinander gebunden – in den Euphrat gestürzt. Wochenlang war der Fluss voller Leichen, die durch Kurdistan und den Irak dem Persischen Golf entgegen trieben.[15] Die meisten ArmenierInnen fielen jedoch nicht Massakern zu Opfer, sondern starben auf den endlosen Märschen in Richtung syrischer und mesopotamischer Wüste[16] an Hunger, Erschöpfung und Krankheiten. Doch die Vernichtung durch Todesmärsche barg Gefahren für die Vernichter[17]: Der österreichische Militärbevollmächtigte in der Türkei, Joseph Pomiankowski, berichtet von einer Flecktyphusepedemie, die durch die armenischen Marschkolonnen verbreitet wurde, und „an welcher mindestens eine Million Mohammedaner zugrunde ging.“[18]

Die Vernichtung der ArmenierInnen – die Entstehung der Türkei

Wenn wir die Ereignisse oberflächlich betrachten, gäbe es für die türkische Republik keinen Sinn den Völkermord 1914/15 zu leugnen. Die ArmenierInnen wurden nach Plänen und von (para-)militärischen Einheiten des Osmanischen Reiches niedergemetzelt; eines Staates, den die Gründer der „modernen“ Türkei abgelehnt und letzten Endes abgeschafft haben. Dem türkischen Gründervater Kemal „Atatürk“ kann man so manches vorwerfen – eine direkte Beteiligung am großen Genozid aber nicht[19]. Der Grund für die türkische Realitätsverweigerung ist wohl eher darin zu suchen, dass die ArmenierInnenvernichtung überhaupt erst die Gründung der „modernen“ Türkei ermöglichte:
Unmittelbar vor Ausbruch des Weltkriegs „hatte die osmanische Statistik feststellen müssen, dass 66 Prozent des Binnenhandels, 79 Prozent der Industrie- und Handwerksunternehmen und 66 Prozent der akademischen Berufe sich in den Händen der christlichen Minderheiten, also der Griechen und Armenier, befanden.“[20] Es gab also keine türkische Bourgeoisie, stellte der Pantürkist Yusuf Achura bereits 1911 fest, „doch die Bourgeoisie bildet die Grundlagen aller modernen Staaten“.[21] Und die Grundlage der Republik Türkei bildet also nicht zuletzt der Besitz der ermordeten und vertriebenen ArmenierInnen und GriechInnen.
Die Profiteure der Türkisierung bildeten die Basis und waren die Finanziers von Kemal Atatürks Armee, die gegen die nach der Niederlage 1918 ins Land gekommenen englischen, französischen, italienischen und griechischen Besatzungstruppen ins Feld zog. „Die ersten, die sich im Nationalen Kampf bewegten, waren die Muslime, die die Handels- und Industriefirmen, die Häuser und Ländereien, die Wein- und Obstgärten der Griechen und Armenier beschlagnahmt hatten.“[22]
Der offizielle Gründungsmythos der Türkei lautet natürlich ein bisschen anders. Da ist die Rede von einem antiimperialistischen Befreiungskampf gegen die vielfach überlegenen Entente-Truppen. In Wahrheit zogen Frankreich, Italien und Großbritannien ihre Armeen bei den ersten Anzeichen von Schwierigkeiten zurück – einerseits war die Bevölkerung in den Entente-Staaten unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkriegs nicht auf einen neuen großen Krieg vorbereitet, andererseits hatte sich die geopolitisch-strategische Situation mit Entstehen der Sowjetunion geändert – gegen den Kommunismus konnte eine starke, unabhängige Türkei ein wichtiges Bollwerk werden. Den türkischen Nationalisten blieben die Griechen und die armenische Republik als Gegner übrig – beider konnten sie sich relativ rasch entledigen. 1926/27 wurde die Verteilung der „zurückgelassenen“ armenischen Güter endgültig rechtlich besiegelt. Die armenische Frage existiert seit diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Türkei.[23]
Die Zahl der zwischen 1914 und 1920 ermordeten ArmenierInnen beläuft sich auf zwischen 800.000 und 2 Millionen. Am häufigsten wird die Zahl von 1,5 Millionen (von 2,5 Millionen im osmanischen Herrschaftsgebiet lebenden) ArmenierInnen genannt. Je nach Berechnungsart inkludiert bzw. exkludiert diese Zahl die wahrscheinlich weit über 100.000 ArmenierInnen, die bei der Zerschlagung des unabhängigen Armeniens[24] von 1918–1920 niedergemetzelt wurden bzw. in Kämpfen fielen.

[1] Talat Pascha, 31. 8. 1916, zit. nach Lepsius, Deutschland und Armenien, Potsdam 1919

[2] Selbst einige ehemalige klassische Exportgüter des Osmanischen Reiches wie Stoffe, Kaffee und Zucker wurden nun aus Indien importiert.

[3] Zit. nach Lewis, Der Atem Allahs, Oxford 1964, S. 52.

[4] Benannt nach der im französischen Exil erschienenen Oppositionszeitung „Junge Türkei“.

[5] Haj Herpochakan Daschnakzutjun – Armenische Revolutionäre Föderation. Mitgliedspartei der 1. Internationalen.

[6] Zu den Ressentiments gegenüber den ArmenierInnen siehe Artikel von Thomas Schmidinger in diesem Heft.

[7] In einem Brief an Kanzler Bethmann-Hollweg, 23. 2. 1913 (www.armenocide.de).

[8] Ebenda.

[9] ittidhad ve terraki: Komitte für Einheit und Fortschritt

[10] Im Krieg um Tripolis.

[11] Mit Bulgarien, Serbien, Griechenland.

[12] Eigentlich „Nation“, im Sprachgebrauch des Osmanischen Reiches aber eine nach Religionszugehörigkeit gegliederte Selbstverwaltungeinheit mit eigenem Oberhaupt (mit beschränkten regionalpolitischen bzw. religiösen Befugnissen).

[13] Zit. nach Hosfeld, Operation Nemesis, Köln 2005, S. 145.

[14] Zit. nach Hoffmann, Annäherung an Armenien, München 1997, S. 99 ff.

[15] Hosfeld 2005, S. 199.

[16] Siehe Akcam, Armenien und der Völkermord, Hamburg 2004.

[17] Die Nazis zogen für ihr Vernichtungsprogramm „wertvolle“ Schlüsse aus den „Fehlern“ der Türken.

[18] Hoffmann 1997, S. 101.

[19] Bernd Rill, Kemal Atatürk, Reinbek 1985, S. 53.

[20] Hosfeld 2005, S. 261.

[21] Ebenda, S. 262.

[22] Nach Baskay, Istanbul 1991; zit. nach Caglar, Die Türkei zwischen Orient und Okzident, Münster 2003.

[23] In etwa ab diesem Zeitpunkt begann sich der türkische Chauvinismus dann verstärkt der „kurdischen Frage“ zu widmen .

[24] Nach der Niederlage des Osmanischen Reiches entstand kurzfristig eine unabhängige Republik Armenien, die 1918 von türkischen Truppen überfallen wurde. Schließlich wurde ein Teil davon nach Einmarsch der Roten Armee die spätere Sowjetrepublik Armenien.