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Rechtsextreme gegen Rechtsextreme in Ried

In Ried im Innkreis vergiften türkische und österreichische Faschisten die Stimmung. Gemeinsam treibt man die Spaltung der Bevölkerung voran.

Meine Stadt Ried

nennt sich ein Rap-Track von „Chiko featuring Ibo“. Einerseits erschöpft es sich im genretypischer Rumgepose mit Waffen, Homies und Autos (Frauen waren wohl nicht aufzutreiben) zu beinahe Mitleid erregend schlecht vorgetragenen Reimen. Zum anderen zeigt es eine klar türkisch-rechtsextreme Symbolik: Pullover der „Ülkücü genclik“ („Idealistischen Jugend“) werden gezeigt, die Fahne der faschistischen MHP geschwenkt und als Grauer Wolfs-Darsteller muss ein Huskey herhalten. Hier wird jugendliches Imponiergehabe mit der Symbolwelt einer faschistischen Ideologie kombiniert.

Und die „Grauen Wölfe“ sind ein durchaus reale Faktor in Ried: Schon seit einigen Jahren sind sie hier aktiv. Konzerte mit rechten Barden, etwa in der örtlichen Bauernmarktmarkthalle, ziehen hunderte BesucherInnen an, seit Ende 2013 verfügt der „Hilal Ried Sport- und Kulturverein Halbmond“ über ein eigenes Lokal, wo man unter andren schon Politprominenz aus der Türkei (MHP) oder den Präsidenten der „Avusturya Turk Federasyvon“, des Dachverbandes der türkischen Rechtsextremen, begrüßen konnte. Der Verein scheint straff organisiert. Neben den üblichen Funktionären gibt es „Religionsbeauftragte“ und für die nicht selten in besagten schwarzen Pullis uniformiert auftretende Jugend „Disziplinbeauftragte“.
chiko
Nun könnte man meinen, ein paar rechte Spinner mehr oder weniger würden in Ried, wo die FPÖ sich jährlich jeden Aschermittwoch in alkoholgeschwängerten braunen Tiefpunkten suhlt, nicht sonderlich auffallen, aber halt! Es sind ja keine Germano- oder Austronazis die hier auftreten, sondern die Jungs von der Konkurrenz, und das darf natürlich nicht unbeantwortet bleiben.

Unsere Stadt Ried

nennt sich die Antwort in Form einer facebook-Seite. Motto: „Ried den Riedern“. Innerhalb eines (!) Tages drückten über 2700 Menschen hier auf „gefällt mir“. Derb völkisch und rassistisch geht’s hier mitunter zur Sache; am Titelbild wird der Text eines „Frei.Wild“-Songs („Wahre Werte“) zitiert. Der Grundtenor der Pöbel-Seite lässt sich mit „Türken raus“ zusammenfassen.
Der Initiator ist mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ein alter Bekannter aus der Neonaziszene: Robert Faller, einst Führer der „Nationale Volkspartei“, heute Geschäftsführer eines lokalen Saufschuppens mit Namen „Whiskeymühle“. Dort hat er noch ein Hinterzimmer namens „Bierinsel“, Sitz seines neuen Vereins „Gegen Gewalt“. Oder „Gegengewalt“, so genau weiß man das nicht, und im Vereinsregister ist nichts zu finden. Der Verein kämpft also gegen „Migratengewalt“ (!) und „Kinderschänder“. Auf facebook wird widerwärtigst gehetzt. So berichtet man über eine „dramatische Zunahme an Massenvergewaltigungen europäischer Mädchen“ durch Muslime.
Besonders tief – selbst für Faller´sche Verhältnisse – eine Todesanzeige für eine 12-jährige, die in Bayern ermordet wurde. Dass es sich beim mutmaßlichen Täter um einen Gesinnungsgenossen Fallers aus der rechtsextremen Szene handelt wird selbstredend verschwiegen. Vielmehr vermutete man einen türkischen Mörder, was zu Kommentaren wie „Wen das mein Kind ist, schlachte Ich diese Kanackensau selber ab!“ (user „Hanspeter Koch“; Rechtschreibung im Original) führte.

Gmx.at zu Rechtsextremismus in OÖ

„Im Wiederbetätigungsprozess um die rechtsextreme Gruppierung „Objekt 21“ wurden vergangenen Herbst in Wels alle sieben Angeklagten schuldig gesprochen, nationalsozialistische Ideologien verherrlicht zu haben. „Oberösterreich ist traditionell ein guter Boden für rechtsextremes und deutschnationales Gedankengut. Das war schon in den 1920ern so“, erklärt der Rechtsextremismus-Experte Thomas Rammerstorfer aus Wels. Seiner Ansicht nach hat in Oberösterreich das „Dritte Lager“ die Zäsur des Weltkriegs und der Niederlage ohne Verluste überstanden: „Rechtsextreme sind hier heute fest verankert.“

Die Situation erzeuge „eine gewisse Stimmung der Narrenfreiheit für Neonazis“, urteilt Rammerstorfer. „Aus so einem Sumpf wachsen die unterschiedlichsten Blüten: Skinheadbanden im Innviertel und Wels, rechtsextreme Hooligans in Linz, Weltverschwörungsobskuranten, Nazi-Kameradschaften, faschistische Metal-Fans im Mühlviertel, dazu die bundesweit meisten FPÖ-Mitglieder.“ Er kritisiert, die Entwicklungen würden von der Politik häufig verharmlost – selbst von Grünen und SPÖ. „Während beim Objekt 21-Prozess in Wels sogar eine deutsche Bundestagsabgeordnete dabei war, interessierte sich aus Österreich nicht mal ein Lokalpolitiker dafür.“

weiter lesen: http://www.gmx.at/themen/nachrichten/panorama/92b45mk-oberoesterreich-volkskaiser-hermann-dicker-veroeffentlicht-rechtsextreme-postings#.A1000146

Vortragsangebote zu Rechtsextremismus

Brauntöne – rechtsextreme Jugendkulturen und ihre Musik

Der seit 2008 existierende, laufend aktualisierte Vortrag läuft im April zum 50. Mal – neben allen österreichischen Bundesländern war er auch schon in Deutschland zu sehen. VeranstalterInnen: Schulen, politische und religiöse Jugendgruppen, Studi-Gruppen, Jugendzentren, die Pädagogische Hochschule von Linz uvm…
Inhaltlich geht’s um die Entwicklung der rechtsextremen Musik von ihren subkulturellen Anfängen bis zum Einsickern in den mainstream, mit Bild- und Tonbeiträgen. Auf regionale Besonderheiten des Veranstaltungsortes wird nach Möglichkeit Rücksicht genommen.

Graue Wölfe – Rechtsextremismus aus der Türkei

Der Vortrag ist konzipiert als interne oder öffentliche Weiterbildung für politische Gruppen, im Jugend-, Integrations- und Sozialbereich tätige Menschen und sonstige Interessierte. Neben der historischen Entwicklung des türkischen Nationalismus stehen die Aktivitäten der „Grauen Wölfe“ in ihren organisatorischen und jugendkulturellen Ausprägungen im Mittelpunkt. Den Vortrag gibt es sowohl in einer 30- und in einer 80-minütigen Version bzw., ergänzt mit Informationen und Musikbeispielen zu andren extremistischen Jugendkulturen als 3-stündiges Seminar.

Let`s talk about Nazis
Argumente gegen Hass – Fakten statt Vorurteile

Der 2011 für ein Seminar der Gewerkschaftsjugend konzipierte Vortrag setzt sich nicht nur mit Nazis auseinander, wie der etwas simplifizierende Titel vermuten lassen könnte. Vielmehr geht es um das Erklären populärer Vorurteile und Wissenslücke: Definition der politischen Begriffe links und rechts; Migrationsgeschichte Österreichs; Rechtsextremismus in Österreich…

Außerdem gäbe es noch einige Referate für EinsteigerInnen in die jeweiligen Themenkreise:
– Historische Hintergründe des Nahostkonfliktes
– Oberösterreich ganz Rechts: Historische Entwicklung und Gegenwart
– Rechtsextremismus im Innviertel: Historische Entwicklung und Gegenwart
– Rechtsextremismus in Wels

Bei Interesse bitte mail an t.rammerstorfer@gmx.at